Doktor-Eisenbarth-Mittelschule Oberviechtach
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Martin Schäfer berichtet von seiner Zeit im Stasi-Gefängnis in Erfurt

Eine hoch interessante Veranstaltung mit einem Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR fand kürzlich an der Doktor-Eisenbarth-Mittelschule statt. Dieser Zeitzeuge ist Martin Schäfer, den wir durch das Projekt Stars4Kids kennen lernten, denn er ist der Geschäftsführer dieser Stiftung.

Bei dieser Gelegenheit haben wir erfahren, dass Herr Schäfer als Zeitzeuge bei verschiedenen Veranstaltungen seine Erlebnisse weitergibt. Er saß im Stasi-Gefängnis in Erfurt ein und kam durch den Mauerfall frei.

Deshalb war es naheliegend, diese Gelegenheit zu nutzen und Herrn Schäfer nochmals an die Schule einzuladen. Da in der 9. Jahrgangsstufe das entsprechende Zeitgeschehen auch Lehrplaninhalt ist, wurde ein Workshop mit den vier neunten Klassen eingerichtet.

Herr Schäfer freute sich über das offensichtliche Interesse der Schülerinnen und Schüler und beantwortete anschaulich die vielen Fragen, besonders zu den Umständen im Gefängnis. Die Ausführungen des Zeitzeugen wurden in einem Gesprächsprotokoll festgehalten, welches unten angefügt ist.

Und es geht weiter: Zwei neunte Klassen besuchen im Sommer eine Woche lang Erfurt und Herr Schäfer wird sie begleiten! Er wird die Jugendlichen nicht nur zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt führen, sondern auch in „seine“ Zelle…


Auszüge aus dem Zeitzeugenvortrag vom 25.03.2022 an der Doktor-Eisenbarth-Mittelschule vor Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe

Teil 1: Wie erlebten Sie die Stasi–Haft?

Vergebung ist wichtiger als Vergeltung!

Ich komme aus der früheren DDR, aus Erfurt. Meine Eltern waren selbstständig, was ein Privileg war, und was es ganz selten gab, weil normalerweise alles volkseigen war. Meine Eltern hatten eine Bäckerei. Wir sind also in einer sehr behüteten Familie aufgewachsen. Ich habe noch zwei Geschwister, einen Zwillingsbruder und einen Bruder, der drei Jahre älter ist.

Wir haben den christlichen Glauben vorgelebt bekommen und sind dafür sehr dankbar. Jeden Sonntag gingen wir traditionell und mit Leidenschaft in den katholischen Gottesdienst, was zu DDR-Zeit auch nicht selbstverständlich war. Ich hatte früh die Entscheidung getroffen: Heiß oder kalt, niemals lauwarm! Dadurch habe ich mich auch ganz klar entschieden, keine idealen gesellschaftlichen Aktivitäten mitzumachen, wie zum Beispiel Jugendweihe, FDJ usw.

Durch diese Entscheidung war ich schon gekennzeichnet, das heißt, ich hatte ausbildungsmäßig keine große Möglichkeit auf Karriere oder auf besondere Berufe oder Studium. Ich habe dann notgedrungen Einzelhandelskaufmann gelernt.

Ich bin im Mai 1989 ins Stasi-Gefängnis Erfurt in Untersuchungshaft gekommen. Die Stasi hatte mich früh am Morgen zu Hause abgeholt. Der Paragraph Delikt hieß Klärung eines Sachverhaltes, wo es aber nie Beweise dafür gab.

Ich bin am Tag der Grenzöffnung 1989 entlassen worden. Für mich waren das größte Wunder der Schutz und die Bewahrung, wie Gott über uns gewacht hat. Durch das tägliche Gebet der Häftlinge in der Zelle entstand eine besondere Beziehung zwischen den Zelleninsassen.

Sehr negativ war für mich diese Dauerbespitzelung. Ich wurde Tag und Nacht bewacht und abgehört. Insgesamt durfte ich nur vier Briefe schreiben und vier Briefe im Monat empfangen, welche logischerweise von der Stasi gefiltert wurden. Besuchserlaubnis gab es einmal im Monat für 30 Minuten von einer Person. Freihof gab es einmal am Tag, 30 Minuten lang.

Die Zelle war ein ganz enger Raum, den ich mit sechs weiteren Personen teilte. Eine schwere Eisentür verschloss den Raum. Die Toilette stand mitten im Raum. Das Essen wurde stark rationiert zugeteilt. Die Atmosphäre in der Zelle war immer geprägt von den jeweiligen Menschen, die mit mir die Zelle teilten. Es war ja ein ständiger Wechsel, da ja auch Leute immer wieder gingen und kamen.

Aber was mich durch die schwere Zeit getragen hat, waren der christliche Glaube und vor allem auch das tägliche Bibellesen. Dieses wurde mir in einer Einzelzelle genehmigt. Ohne jegliche Vorurteile habe ich versucht, jeden Zellenmithäftling mit den Augen Gottes zu sehen und nicht zu fragen, aus welchem Grund die Person einsitzt. Gott sieht jeden Menschen in Liebe und er gibt jedem Menschen immer wieder eine Chance für einen Neuanfang. Für mich war wichtig, keinen Grund ins Herz zu lassen. Wirklich auch von Herzen zu vergeben.

Auch nach der Grenzöffnung behielt ich immer diesen Vorsatz, keine negativen Einflüsse ins Herz zu lassen. Ich habe aus diesem Grund meine Stasiakten nie gelesen. Ich vergebe und kann so ohne Hass weiterleben.

Denn Vergebung ist größer und lebensnotwendiger als Rache, Neid und Hass. Ich denke, dass dies unsere Gesellschaft dringend braucht, ein positives Miteinander.

Wie ging dein Leben nach dem Mauerfall weiter?

Teil 2: Was bewegte Sie, eine Stiftung zu gründen?

Nach dem Mauerfall habe ich mir ein Jahr lang Gastronomie im Westen angeschaut. 1990, am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober, habe ich das Geschäft meiner Eltern in Erfurt übernommen und dieses als Steakhaus umgebaut.

Im Dezember 1992 bin ich körperlich zusammengebrochen und kam mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus. Dieses Ereignis hat mein Leben stark geprägt und mich dazu gebracht, mein Leben grundlegend zu verändern und vor allem für die Schwächsten der Gesellschaft einzutreten.

Deshalb habe ich im März 1993 meine alte Wirkungsstätte in Erfurt abgegeben und im katholischen Waisenhaus der Ordensschwestern begonnen. Dort habe ich zweieinhalb Jahre gearbeitet. Ich habe gesehen, unter welch ärmlichen Verhältnissen die Kinder erzogen wurden. An dieser Stelle entstand mein Traum, dass die Mannschaft, die deutscher Fußballmeister wird, für diese Kinder Fußball spielt. Und mit dem Erlös das Waisenhaus saniert wird.

Das Spiel fand am 23. Januar 1994 statt. Hierbei entstand dann die Vision der Gründung der Stiftung STARS4KIDS. Über den Kontakt zu Ottmar Hitzfeld durfte ich in München Jorginho kennenlernen. Jorginho war der eigentliche Schlüssel für die Gründung unserer Stiftung 2003 im Stadion Stuttgart gegen Dortmund. Hier wurde die Stiftung eingeweiht.

Weitere Details auf der Stiftungshomepage:

Christian Schreiner


artin Schäfer gibt als Zeitzeuge bei verschiedenen Veranstaltungen seine Erlebnisse weiter. Er saß im Stasi-Gefängnis in Erfurt ein und kam durch den Mauerfall frei.

Herr Schäfer freute sich über das offensichtliche Interesse der Schülerinnen und Schüler und beantwortete anschaulich die vielen Fragen, besonders zu den Umständen im Gefängnis.


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